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Die tägliche Dosis Gerechtigkeit

Der Gegenpol von Gerechtigkeit ist nicht Unrecht – es ist Lebendigkeit. Das ist eine Erkenntnis, die nur langsam reift. Und nicht ohne ein gewisses Bedauern, denn Gerechtigkeit erscheint doch den meisten von uns besonders wichtig & schützenswert.

Vielleicht denken Sie öfter mal: „Hey, ich bin gut ausgebildet, kompetent, engagiert, erfahren – und trotzdem kriegen oft andere den Job, den Auftrag, die Anerkennung, das Geld, den Parkplatz in der Tiefgarage, das Lächeln von der hübschen Dame aus der Buchhaltung. Das ist nicht fair, das ist einfach nicht gerecht." Wir sehnen uns nach Gerechtigkeit. Wir möchten den Täter bestraft sehen, der unser Fahrrad geklaut hat. Wir wollen, dass die Ex-Frau neben dem attraktiven neuen Mann, dem Haus & den Kindern nicht auch noch die dicken Alimente kassiert. Es ist schwer erträglich, dass unfall-verursachende Autofahrer trotz schrecklicher Folgen oft mit lächerlich geringen Strafen davonkommen. Wir wollen Gerechtigkeit. Aber Recht ist nicht Gerechtigkeit – es sei denn, die Auseinandersetzung findet am Nachmittag auf dem Bildschirm statt.

Zwar hat „Richterin Barbara Salesch" mittlerweile ihre Brille abgenommen und die Gerichtsstube verlassen, um sich dem Malen & Bildhauern zu widmen. Aber in den fiktiven Gerichtssälen der Republik wird weiter fiktives Recht gesprochen – damit die geneigten Zuschauerinnen & Zuschauer ihre tägliche Dosis fiktive Gerechtigkeit bekommen. Schauen wir uns diese erfundenen Gerichts-Dramen, diese inszenierte Realität einmal etwas genauer an.

Denn wie heisst es so schön: Im Show Business geht es darum, wahrhaftig zu sein. Wer das vortäuschen kann, hat es geschafft.

Zur Jahrtausend-Wende kamen in Deutschland die ersten Nachmittags-Gerichts-Shows auf. Im Vorfeld wurde mit Slogans wie „Echte Fälle, echte Kläger, echte Beklagte" geworben. Und in den ersten Sendungen fanden sich auch tatsächlich echte Kläger & Beklagte ein, die in sogenannten Schiedsgerichts-Verhandlungen vor der Kamera zu gütlichen Einigungen geführt werden sollten (beim Schiedsgericht gibt es kein Verbot für Ton- & Bild-Aufnahmen). Dabei ging es etwa um Stereo-Anlagen & CDs, die jemand beim Auszug hatte mitlaufen lassen. Oder um nicht eingehaltene Vereinbarungen in Bezug auf gegenseitiges Kinder-Hüten. Oder man stritt sich lautstark in breitem Ost-Dialekt um Maschendraht-Zäune & Knallerbsen-Sträucher.

Diese „echten" Fälle – Reality-TV *** sozusagen – erwiesen sich aber als nicht spektakulär genug; die Einschalt-Quoten blieben hinter den Erwartungen zurück. Der geneigte Leser ahnt bereits, welcher Zaubertrick nun aus dem Hut gezogen wurde. Richtig: die Allzweck-Waffe Scripted Reality ***! Von nun an wurde so richtig aus dem Vollen geschöpft. In der Durchschnitts-Familie – verkörpert durch Laien-Darsteller – kamen plötzlich jede Menge Doppel-Leben zum Vorschein: Ehebrecher, Heirats-Schwindler, Pädophile, Schläger, Vergewaltiger, Zuhälter, Messer-Stecher, Gift-Mörder, Auftrags-Killer etc. Die Fälle wurden immer skurriler, haarsträubender & skrupelloser, die Verstrickungen immer komplexer & fataler, die Ausschnitte der Damen immer tiefer und die verhängten Strafen immer härter bzw. lebenslänglicher. Denn eines haben fast alle Fälle gemeinsam: Gegen Ende der Sende-Zeit brechen der Doppel-Mörder, der Serien-Vergewaltiger oder wer auch immer – in die Enge getrieben – plötzlich ein und gestehen kleinlaut ihre Missetaten wie ein 5-Jähriger. Da kennt das Drehbuch keine Gnade: Kurz vor dem Abspann muss den Opfern Gerechtigkeit widerfahren. Die Zuschauer wollen sich auch heute wieder der Illusion hingeben, dass alles gut wird. 

Diese Konstellationen erinnern an andere Konstellationen in längst verfallenen Gerichts-Sälen: „Perry Mason" lässt aus weiter Ferne grüssen! Straf-Verteidiger Perry Mason hat seine (erfundenen) Fälle in den 50er und 60er Jahren – d.h. vor einem halben Jahrhundert – auf ganz ähnliche Art & Weise gelöst.

Stets waren im Gerichts-Saal beim abschliessenden Showdown (entscheidende Kraft-/Macht-Probe) – damals noch in Schwarz-weiss – alle Verdächtigen versammelt und lauschten andächtig den Ausführungen von Straf-Verteidiger Perry Mason und Staatsanwalt Hamilton Burger. Und stets brach gegen Ende der Sende-Zeit der Schuldige ein und legte ein Geständnis ab – ob er nun überführt war oder bloss nicht ertragen konnte, dass eine schöne Frau in die Enge getrieben wurde. Das war zwar keine hohe Fernseh-Kunst – aber es hatte einen altmodischen Charme und eine angenehm unaufgeregte Art, gab trefflich die damaligen Mode- & Frisuren-Trends wieder und ist insgesamt erstaunlich gut gealtert. Daher wird „Perry Mason" auch heute noch gelegentlich im Nacht-Programm ausgestrahlt.

Um den frei erfundenen Geschichten in den heutigen Gerichts- & Polizei-Shows einen falschen Anstrich von Authentizität zu geben, werden gerne ehemalige Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, Polizei-Beamte etc. engagiert. Die haben tatsächlich einmal im Rechts-Apparat gearbeitet, sind aber schon längst ausgestiegen bzw. beurlaubt.

„Richter Alexander Hold" etwa löst nur noch abstruse Fälle vor der Kamera, und auch der letzte echte Fall von „Niedrig und Kuhnt – Kommissare ermitteln" liegt lange Zeit zurück. Da diese Serien-Darsteller aber zuweilen auch in anderen Sendungen als Rechts-Experten für echte Frage-Stellungen aus dem Alltag auftreten, werden Wirklichkeit & Fiktion miteinander vermischt und dem Zuschauer suggeriert, hier hast Du es mit der Realität zu tun. Dass dem nicht so ist, erfährt man im Abspann der jeweiligen Sendungen – sofern man sehr schnell sehr klein Gedrucktes lesen kann & will.

Für Fälle, wie sie in den nachmittäglichen Gerichts-Shows gezeigt werden, herrscht in der Realität ein Bild- & Ton-Verbot. Sie dauern in der Regel auch nicht 30, 45 oder 60 Minuten, sondern ziehen sich über Tage oder gar Wochen hin. Die Verhandlungen werden kaum von lautstarken Zwischen-Rufen & Gefühls-Ausbrüchen unterbrochen. Und es platzen auch nicht mitten in der Verhandlung neue Zeugen in den Raum, die dem Fall eine unverhoffte 180°-Wende geben.

Die erste Gerichts-Show in Deutschland wurde bereits in den 60er und 70er Jahren von der ARD ausgestrahlt: „Das Fernseh-Gericht tagt". Dabei wurden reale Fälle anhand von Gerichts-Akten nachgestellt. Diese – wie auch die wenigen nachfolgenden – abends ausgestrahlten Gerichts-Sendungen wollten Rechts-Kenntnisse und einen Einblick in die Arbeit der Justiz vermitteln. Bei den heutigen nachmittäglichen Gerichts-Shows indessen geht es um reine Unterhaltung. Ursprünglich Schiedsgerichts-Verhandlungen mit echten zivil-rechtlichen Auseinandersetzungen, wurde schnell auf erfundene Zivil- & Strafrechts-Fälle mit Laien-Darstellern umgestellt. Damit Raub, Mord, Vergewaltigung & Co. für höhere Quoten sorgen konnten. Dabei müssen die Laien-Darsteller die Texte nicht wortwörtlich, sondern nur sinngemäss wiedergeben. Das wirkt „echter".

In den USA sind Kameras im Gericht bereits seit rund 30 Jahren zugelassen. Wir erinnern uns alle noch an die 1994 von „Court TV" übertragene Gerichts-Posse um O. J. Simpson. Obschon im Straf-Prozess freigesprochen, wollte Simpson später ein Buch mit dem Titel „If I Did It" („Wie ich vorgegangen wäre, wenn ich es getan hätte") veröffentlichen. Mit allen grausamen Details ...

Wie bereits eingangs erwähnt, verfügen viele von uns über einen ausgeprägten Gerechtigkeits-Sinn. Auch ich. Aber im Laufe der Jahre ist mir immer klarer geworden, dass man sich mit diesem Bedürfnis oft ins eigene Fleisch schneidet. Dass man an Lebendigkeit, an Tatkraft & Lebensfreude verliert. Denn indem wir (verständlicherweise) Gerechtigkeit einfordern, versteifen wir uns oft auf eine bestimmte Sache, blockieren ungemein viel Zeit & Energie und bezahlen nicht selten auch mit unserer Gesundheit. Der berühmte Schnitt ins eigene Fleisch ...

Andererseits kann man sich auch nicht alles gefallen lassen. Aber wo genau sollen wir die Grenze ziehen zwischen Recht einfordern und einen grossen Schwamm besorgen? Das richtige Mass zwischen Gerechtigkeit & Lebendigkeit muss wohl im Leben stets aufs Neue ausgelotet werden ...


*** Sogenannte Reality-Formate tauchen unter verschiedenen Bezeichnungen wie etwa Reality-TV, Reality-Show, Factual Entertainment, Report, Pseudo-Reality-TV, Scripted Reality, Scripted Docu, Reality Soap, Docutainment, Doku-Soap, Doku-Novela, Doku-Drama oder ähnlich auf. Dabei finden sich unterschiedliche Mischungs-Verhältnisse von Wirklichkeit & Inszenierung. Der genaue Inszenierungs-Grad beim munteren Mixen von Fakten & Fiktion lässt sich jedoch nicht eindeutig an der Bezeichnung erkennen.

Am sinnvollsten erscheint eine einfache Unterteilung in zwei Kategorien:

Reality-TV heisst nichts anderes als Fernsehen, das die Realität darstellt, irgendeine Form von Wirklichkeit (z.B. „Big Brother"). Man könnte auch von Dokumentation sprechen. Dabei findet immer auch eine gewisse Inszenierung, Verdichtung und Erhöhung statt, die je nach Format unterschiedlich stark ausfällt. Sie sollte jedoch nicht prägend sein.

Scripted Reality: Da die Inszenierung in jüngerer Vergangenheit überhand genommen hat, ist der neue Begriff der „Scripted Reality", also der „Wirklichkeit nach Script/Drehbuch" entstanden. Hier wird von A – Z alles inszeniert: Die Geschichte, das Tempo, die Personen, die Ausstattung, die Lokalitäten, die Emotionen etc. Zwar könnte die Handlung theoretisch mit ähnlichen Personen in ähnlichem Ambiente so oder so ähnlich stattgefunden haben – hat sie aber nicht. Sie ist einzig & allein der Feder eines Drehbuch-Autors entsprungen und wird meist von Laien-Darstellern in vertrauten Lokalitäten wie beispielsweise der eigenen Wohnung verkörpert.

Der Übergang zwischen „Reality" und „Scripted Reality" ist natürlich fliessend. Dem Zuschauer wird ohnehin nicht gerne unter die Nase gerieben, dass es sich bei einem Format um Scripted Reality, also pure Inszenierung handelt. Das wird lieber ganz klein im Abspann untergebracht ...

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