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Die Zukunft des Fernsehens

„Flach-Bildschirme sind der Beweis: Die Geräte haben sich dem Niveau des Programms angepasst", so die deutsche Satire-Sendung „NDR Kanzler-Amt Pforte D".

An Branchen-Veranstaltungen wie den Münchener Medien-Tagen von Ende Oktober wird natürlich lieber Optimismus versprüht. Gerhard Zeiler, Ausland-Chef des amerikanischen Turner-Konzerns und Ex-Chef der RTL-Gruppe, sprach über seine 8 Grundsätze zur Zukunft des Fernsehens – wie das deutsche Medien-Portal MEEDIA berichtete. Eine Zukunft, an die Zeiler auch in einem Umfeld wachsender medialer Herausforderungen glaubt.

Ich auch, keine Frage. Unser Bedürfnis nach Information, nach Geschichten & Unterhaltung, nach Abenteuern & Emotionen ist das gleiche geblieben wie jenes unserer fernen Vorfahren am Lagerfeuer. Die Menschen wachen zwar argwöhnisch über ihren Besitz, die Zeit aber lassen sie sich bedenkenlos stehlen – viel zu oft vom Fernsehen. Wer sich fragt, wo bloss seine Zeit geblieben ist, sollte zuallererst einmal beim Fernsehen anfangen zu suchen.

Zeilers Leitlinien zur Zukunft des Fernsehens lauten wie folgt:

1.  Mache es Zuschauern leicht, alle Programme jederzeit auf allen Geräten zu konsumieren
2.  You have to be local
3.  Fragmentiere dich selbst, bevor dich andere fragmentieren
4.  Habe keine Angst vor Facebook, Twitter & YouTube – Nutze sie, so gut du kannst
5.  Positioniere deine Marke richtig
6.  Die Pay-TV-Industrie ist ein essentieller Teil der Fernseh-Landschaft
7.  Fail often, fail fast, fail cheaply
8.  Respektiere den kreativen Prozess und investiere in ihn

Gerne gebe ich ein paar Kommentare zu diesen „Zeiler-Psalmen" ab – insbesondere zu Nummer 7 und 8. Und ich möchte noch einen 9. Grundsatz hinzufügen:

9.  Führe eine „Abwrack-Prämie" für schlechte Programme ein

„Ich mag das Fernsehen. Ich mag es, nach Hause zu kommen, den Mantel abzulegen, die Schuhe auszuziehen und zu wissen: Was auch immer du gerade erlebt haben magst, welche Überraschung der Tag gebracht haben mag, nun wartet auf dich das Erwartbare. Es wird dich ablenken von dir selbst. Ich kann mir sicher sein, wenige Meter von mir entfernt, dort, auf der Mattscheibe, wird auch heute wieder ein Haus renoviert, ein Schnitzel gebraten, eine Brust vergrössert. Wieder werden sich Menschen die Meinung sagen, direkt und leidenschaftlich, wieder wird irgendwo die Welt unterzugehen drohen und es doch nicht tun, weil zur selben Zeit ein schmucker Arzt die Berge besteigt und den Tod besiegt." Soweit die Ausgangslage, beschrieben vom deutschen Journalisten & Autoren Alexander Kissler.

1.  Mache es Zuschauern leicht, alle Programme jederzeit auf allen Geräten zu konsumieren
 
Auf dem Gebiet der individuellen TV-Nutzung hat sich sehr viel getan in jüngerer Vergangenheit – und es wird laufend weiter ausgebaut ...

Lange Zeit ging es beim Fernsehen ähnlich zu & her wie früher am Lagerfeuer: Die ganze Familie versammelte sich abends vor dem TV-Gerät und schaute sich die gleichen Sendungen an. Auswahl gab es ohnehin kaum. Nach dem Aufkommen des Privat-Fernsehens in den 80er & 90er Jahren mit entsprechend gestiegener Programm-Vielfalt breiteten sich zunehmend Zweit- & Dritt-Geräte in den Haushalten aus. Inzwischen hat die individuelle TV-Nutzung eine neue Ebene erreicht. Fernseh-Zuschauer – und Medien-Nutzer generell – konsumieren Sendungen/Inhalte immer mehr irgendwann, irgendwo, irgendwie. Ausstrahlungs-Zeit & -Ort sind beliebig geworden.

Noch liegt der Anteil sogenannter nicht-linearer TV-Nutzung zumeist im einstelligen Prozent-Bereich. Nicht-lineare Nutzer sehen sich die Programme nicht zum Zeitpunkt der Ausstrahlung an. Das sind heute noch grösstenteils jüngere Zuschauer – ältere Menschen wagen sich da erst zögerlich heran. Für sie sind „Sendung" und „Ausstrahlungs-Zeitpunkt" aufgrund langjähriger Prägung immer noch sehr stark miteinander verbunden. Aber die nicht-lineare bzw. On-Demand-Nutzung (auf Abruf) weist insgesamt einen deutlichen Aufwärts-Trend auf (manches bleibt natürlich auch in Zukunft linear am attraktivsten, Sport-Übertragungen etwa).

Die konstante Verfügbarkeit hat etwas Verführerisches. Mit den neuen Möglichkeiten steigt die Auswahl an Sendungen & Inhalten allerdings in ungeahnte Dimensionen. Der nächste grosse Trend wird daher individuelle Guidance, also schlaue Filter & Slow Media sein – so der deutsche Multimedia-Spezialist Freddie Geier. Es gibt schlicht zu viel & zu schnelle Informationen und zu wenig Pausen. Die Menschen können den ganzen Input gar nicht mehr filtern & verarbeiten. Die tiefgründige Beschäftigung ist nicht mehr möglich. Es fehlt den Menschen aber, sie fühlen sich ausgebrannt & leer.

2.  You have to be local
 
"Es sind die lokalen Inhalte, die einen Sender auf Dauer erfolgreich sein lassen", so Zeiler.

Naja. Es gibt mehr als genug Sender, die lokale Inhalte bringen – und das oft weder besonders gut noch besonders erfolgreich. Ich möchte es anders formulieren: Es sind hoffentlich die guten Inhalte, die einen Sender auf Dauer erfolgreich sein lassen. Zumindest würde man es wünschen ...
 
3.  Fragmentiere dich selbst, bevor dich andere fragmentieren
 
„In einem Markt, in dem immer neue Player auftauchen, ist es sinnvoller, sich breiter aufzustellen, als allein auf wenige Flaggschiffe zu setzen. Sei es über neue Sender oder Catch-up-TV-Angebote", führt MEEDIA aus.

Hier spricht ein Konzern-Manager, der ein grösseres Sender-Imperium mitgestalten kann. Und natürlich ist es für einen Gross-Konzern gefährlich, auf ein einziges oder nur wenige Pferde zu setzen. Da gilt es stets, verschiedene Versuchs-Ballons zu testen – sowohl inhaltlich als auch nutzungs- & vertriebs-technisch. Früher oder später dürfte der eine oder andere abheben. So wurde beispielsweise an Zeilers früherer Wirkungsstätte unlängst der digitale Free-TV-Sender RTL Nitro ins Leben gerufen, um das anhaltende Zuschauer-Interesse an Serien zu befriedigen. Interessante aktuelle Serien wie „Modern Family" oder „Nurse Jackie" peppen das Angebot an alten & uralten (US-)Serien auf. In der Hauptsache werden allerdings alte, gut abgehangene Serien „abgenudelt" ...
 
4.  Habe keine Angst vor Facebook, Twitter & YouTube – Nutze sie, so gut du kannst
 
Andere formulieren das noch krasser: „Wer nicht auf YouTube ist, existiert nicht", lautet mittlerweile ein geflügeltes Wort.

Natürlich stellt Social Media ein wichtiger Multiplikator für alle Art von Inhalten dar. Überdies erreicht man mit mundgerechten „Medien-Häppchen" auch Zuschauer-Gruppen, deren Aufmerksamkeits-Spanne nicht besonders gross ist. Heutzutage überschwemmen zahllose (Eil-)Meldungen zu allen möglichen Ereignissen & Nicht-Ereignissen die Medien- & Social-Media-Kanäle. Dieser ständige Einbruch trivialer Information in unseren Alltag kann auf die Dauer unser Denken und unsere Aufnahme-Fähigkeit verändern. Angesichts dieser Dauer-Berieselung erstaunt es wenig, dass bei vielen – gerade jüngeren – Menschen die Aufmerksamkeits-Spanne tendenziell abnimmt. Das machen sich u.a. Video-Portale wie YouTube – und generell Social-Media-Plattformen – zunutze. Sie stellen den Nutzern eine riesige Auswahl an Kurz- & Kürzest-Filmchen bzw. Info- & Unterhaltungs-Happen aller Art zur Verfügung. Darüber hinaus tragen diese Portale auch dem Bedürfnis vieler Nutzer nach Interaktivität Rechnung.
 
5.  Positioniere deine Marke richtig
 
„Der Marken-Wert wird in unserer Industrie fast sträflich unterschätzt", warnt Zeiler.

In der Tat werden die Profile vieler – v.a. grosser – Sender immer unschärfer: Dass sich beispielsweise die Öffentlich-Rechtlichen viel zu wenig auf ihre Kern-Kompetenzen konzentrieren und stattdessen krampfhaft an der Konkurrenz und an den Quoten orientieren, gibt Anlass zu berechtigter Kritik (auch wenn Zeilers Bemerkung wohl stärker auf den kommerziellen Aspekt abzielt ...).

„Die inhaltliche Unterscheidbarkeit zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen wird immer weniger umgesetzt. Es ergibt jedoch, neben ordnungs-politischen Aspekten, auch aus inhaltlichen Gründen keinen Sinn, wenn alle alles machen. Jeder Sender in Deutschland müsste sich eigentlich fragen, worin seine besondere Identität besteht. Denn genau die sucht der Zuschauer", so RTL-Unterhaltungs-Chef Tom Sänger.

Stimmt. Ist es überhaupt sinnvoll, dass die Öffentlich-Rechtlichen die „Spielregeln" der Privat-Sender übernehmen und sich auf einen Quoten-Wettbewerb einlassen, zu dem nur wenig Anlass besteht? Schliesslich decken die TV-Gebühren etwa in Deutschland rund 85% des öffentlich-rechtlichen Budgets ab. Die restlichen 15% aus Werbe-Einnahmen könnten auch gleich auf die – zugegebenermassen sehr umstrittenen – Fernseh-Gebühren draufgeschlagen werden. Dann wäre Schluss mit Werbung & Quoten-Kampf, und man könnte sich wieder vermehrt auf die Kern-Aufgabe konzentrieren: Die Produktion von Qualität & Relevanz, wie es so schön heisst.

Und natürlich unterscheiden sich auch die einzelnen öffentlich-rechtlichen und privaten Sender untereinander viel zu wenig. Jeder schielt zu jedem und versucht krampfhaft zu kopieren, was einigermassen erfolgreich ist. Den chinesischen Raub-Kopierern scheint man dabei in nichts nachzustehen ...

„Am zuverlässigsten unterscheiden sich die einzelnen Fernseh-Programme durch den Wetter-Bericht", witzelte einst Woody Allen. Mittlerweile sind auch die Wetter-Vorhersagen enger aneinander gerückt.

6.  Die Pay-TV-Industrie ist ein essentieller Teil der Fernseh-Landschaft
 
Zeiler glaubt, dass die deutsche TV-Landschaft nur schwer weiterzuentwickeln ist ohne Bezahl-Sender wie Sky. Nach harzigen Jahren hat Deutschland – und der deutschsprachige Raum generell – Nachhol-Bedarf in Sachen Pay-TV und weist innerhalb von Europa überdurchschnittliche Wachstums-Raten auf.

Das scheint mir eine ziemlich amerikanische Sichtweise zu sein. In den USA haben Bezahl-Sender wie HBO in der Tat viel für die Innovation von Fernseh-Serien („Die Sopranos", „Six Feet Under", „Boardwalk Empire" etc.) und damit auch für die TV-Landschaft insgesamt getan. Davon kann hierzulande keine Rede sein. Die deutschen Pay-TV-Sender punkten v.a. mit einem breiten Angebot im Bereich Sport-Übertragungen & -Vermarktungen. Innovation muss hier höchstens beim Ausbooten von Mit-Konkurrenten um Übertragungs-Rechte gezeigt werden. Oder noch besser: das grosse Portemonnaie ...

7.  Fail often, fail fast, fail cheaply
 
Gerade im TV sei der Mut zum Scheitern unerlässlich, so Zeiler: "Wir benötigen eine Industrie-Kultur, die auf Risiko-Bereitschaft aufgebaut ist." Tönt super – leider hemmt jedoch Risiko-Vermeidung, die lähmende Furcht vor Fehl-Investitionen vielerorts (man ist schon fast versucht zu sagen allerorts) die kreative Entwicklung.

Über Zeilers alte Wirkungsstätte sagte der frühere RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma bereits vor zwei Jahren: „Der Sender muss wieder Begeisterung wecken, er braucht wieder diese Innovations-Kraft, da muss Neues reinkommen. RTL muss wieder richtig voranlaufen. Momentan läuft der Sender nur deshalb voran, weil die anderen so unfähig sind, dass es fast unmöglich ist, da nicht Erster zu sein." In der Zwischenzeit sah man allerdings lediglich noch mehr vom sattsam Bekannten ... Mutige Fehl-Investitionen? Zumeist Fehlanzeige ...

Die beste Zukunfts-Sicherung für einen Fernseh-Sender ist ein gutes, innovatives Programm. Denn früher oder später haben sich die Zuschauer erfahrungsgemäss an (fast) allem satt gesehen und suchen via Fernbedienung nach Alternativen. Dem widerspricht kaum jemand. Auch nicht die Fernseh-Macher selber, die sich zumindest auf dem Papier und der Öffentlichkeit gegenüber – beraten von geflissentlichen PR-Stäben – gerne als innovativ, experimentier-freudig und zukunfts-orientiert darstellen. Warum klaffen dann schöne Worte und Realität so weit auseinander?

Innovation ist ok, wenn sie nicht viel kostet und keine lange Anlauf-Zeit benötigt.

Am meisten fürchten sich die Fernseh-Macher angesichts des vielerorts vorherrschenden Kosten-Drucks vor Fehl-Investitionen. Und Innovationen bergen immer ein gewisses Risiko. Das Risiko zu hoher Kosten bzw. einer zu langen Anlauf-Zeit, das Risiko, den Zuschauer-Geschmack nicht zu treffen oder das Publikum zu überfordern etc. Fernseh-Schaffende mit innovativen Ideen indessen gibt es durchaus. Von den verantwortlichen Programm-Chefs und den rendite-orientierten TV-Investoren erhalten sie aber nur selten die Chance, Risiken eingehen zu dürfen. Selbst sehr gute Ideen werden oft ausgeschlagen, weil die Sender anderes (z.B. „Scripted Reality", also inszenierte Billig-Ware in allen Varianten) schneller & rentabler produzieren können.

Hier stehen in erster Linie die öffentlich-rechtlichen Sender in der Pflicht, die von der Allgemeinheit finanziert werden. Sie sollten verpflichtet sein, Programme zu produzieren, die aufregende neue Akzente setzen und frische Impulse vermitteln. Die für Gesprächs-Stoff sorgen, Diskussionen auslösen, polarisieren, berühren, faszinieren. Ohne von Beginn an nur auf Quote, Markt-Anteile und den Weg des geringsten Widerstands zu setzen. Denn was bei den (allem Jammern zum Trotz) finanziell sehr gut dotierten öffentlich-rechtlichen Anstalten heute unter dem Strich an Innovation herauskommt, ist mehr als beschämend. Es ist eine Zumutung. Wahrscheinlich würden erst der Verzicht auf die Quoten-Fixierung sowie fixe Innovations-Budgets Kreativität, Spiel-Freude und Innovation so richtig ins Rollen bringen.

Natürlich wäre auch bei den Privat-Sendern mehr Innovation gefragt. Schliesslich rühmt man sich dort, „Vielfalt, Qualität & Wettbewerb" (RTL) in die Fernseh-Landschaft zu bringen. Dem kommerziellen Fernsehen kann man diese Zurückhaltung aber nicht ganz so sehr zum Vorwurf machen. Privat-Sender produzieren aus finanziellen Gründen wenig innovative Sendungen; sie stellen Kosten/Nutzen-Überlegungen in den Vordergrund wie andere (private) Unternehmen auch. Trotzdem kamen die wenigen beachtenswerten Innovationen der letzten Jahre häufiger von den Privaten.

Der spürbare Mangel an Kreativität, Innovation, Mut und Engagement im deutschsprachigen Fernsehen – insbesondere im Bereich Unterhaltung – ist nicht zuletzt auch system-bedingt. Bei den Öffentlich-Rechtlichen muss man in vielen Bereichen von „Beamten-Fernsehen" sprechen. Viele Mitarbeiter sitzen – ja, auch heute noch – mehr oder weniger da bis zur Pensionierung. Und irgendjemand steht auch immer gerade irgendwo zur Wahl. Intendanten, Direktoren, Chef-Redakteure ... Das sind natürlich keine guten Voraussetzungen für Innovation. Fernseh-Macher Stefan Raab etwa, der verschiedene TV-Formate für Pro 7 entwickelt hat, moderiert(e) und teilweise auch ins Ausland verkaufen konnte, meint: „Beim WDR kann keiner was entscheiden, bevor nicht der Ältesten-Rat zusammengetreten ist." Und Comedian Oliver Pocher doppelt nach: „Bei der ARD redet ja nicht nur einer allein, sondern 84 Gremien reden mit. Und mindestens ein Dutzend Chefs muss alles abnicken. Das ist einfach sehr anstrengend." Und kreativitäts-tötend. Auch wenn man nicht der grösste Fan von Raab & Pocher ist ...

Nicht mehr ausschliesslich im Privat-Fernsehen sind rendite-orientierte Manager mit gut trainierten Abwehr-Reflexen am Drücker, die in erster Linie mögliche Risiken ausschliessen. Sie wollen auf ihren Stühlen sitzen bleiben. Lieber klaut man die Ideen anderer und macht die Formate mit jedem Neu-Aufguss noch ein bisschen seichter & trashiger. Kopieren geht über Probieren! Kopieren, was woanders Quote bringt, leicht modifizieren und wenn möglich billiger produzieren.

Autor & Journalist Michael Jürgs hat es am schönsten ausgedrückt: „Schmerzensgeld & Schmutz-Zulagen in solchen Jobs verpflichten manchmal zu schmerzlichen, schmutzigen Entscheidungen." Autoren sind dabei oft nur die Erfüllungs-Gehilfen mächtiger Auftraggeber.

8.  Respektiere den kreativen Prozess und investiere in ihn

"So schön die Bilanzen auch sein mögen, man kann sie nicht zu Fernseh-Programmen machen", so Zeiler. „Die Basis der TV-Industrie sind Kreation & Produktion von Fernseh-Programmen. In den kreativen Prozess muss man investieren. Beträchtlich investieren."

Amen. Nur leider ist dieser „Zeiler-Psalm" meilenweit von der herrschenden Realität entfernt.

Früher wollten die TV-Produzenten ihr Publikum noch unterhalten. Das hat natürlich nicht immer geklappt, wie wir wissen. Aber immerhin hatten die meisten Fernseh-Macher Spass an ihrem Job und am TV-Umfeld. Das gilt heute längst nicht mehr. Wie man immer wieder hört & liest, können viele Redakteure ihr eigenes Programm nicht ausstehen. Etwas zu produzieren, das man sich auch selber gerne ansehen möchte, ist vielerorts in weite Ferne gerückt. Zur eingeschränkten Risiko-Bereitschaft und mangelnden Kreativität gesellen sich oft auch noch fehlendes Engagement, Lustlosigkeit & Überdruss.

Kreativität lässt sich ohnehin nicht am Schreibtisch planen und auf Knopfdruck produzieren. Sie braucht ein gewisses Umfeld, eine bestimmte Unternehmens-Kultur, einen gewissen Spielraum, um sich entfalten zu können. Innovative Ideen brauchen den Freiraum, bei der praktischen Umsetzung das eine oder andere ausprobieren zu dürfen. Fehler machen zu können, daraus zu lernen, neue Ideen einzubringen, Varianten zu entwickeln oder allenfalls auch mal das Ganze wieder fallen zu lassen. Denn tolle innovative Produktionen existieren nur deshalb, weil eine viel grössere Anzahl Innovations-Versuche nach einer gewissen Zeit wieder aufgegeben worden ist. Nicht alles aus der Pipeline kann ein Erfolg werden. Genauso wenig wie in anderen Branchen.

Gefragt ist also auf allen Ebenen mehr Risiko-Bereitschaft, mehr Mut zum Wagnis. Gefragt sind TV-Manager & Fernseh-Schaffende mit Kreativität, Fantasie, Bildung, Haltung, Engagement und dem Willen zur Veränderung. Gefragt sind ausreichende Budgets für innovative Projekte aus unterschiedlichen Bereichen. Damit man nicht alle Projekte selbst entwickeln muss, bevor dann im letzten Moment mit sehr viel Glück vielleicht doch noch ein Geldgeber aufspringt.

Und gefragt sind nicht zuletzt auch mündige Zuschauer, die nicht jede Suppe auslöffeln, die ihnen vorgesetzt wird. Sondern ihren Blick für die Wirkungs-Mechanismen, die Trivialität und zuweilen auch Boshaftigkeit des Mediums Fernsehen schärfen. Denn hin & wieder sind auch interessante neue TV-Formate mit besten Absichten und grossen Erwartungen ins Quoten-Rennen geschickt worden – und sind einen einsamen Tod durch Knopf-Druck, sprich Fernbedienung gestorben.

Der deutsche Regisseur & Drehbuch-Autor Dieter Wedel formuliert das so: „Wenn Menschen zu faul zum Kauen sind, muss man sie auch hin & wieder zum Kauen zwingen. Man darf ihnen nicht immer nur Breichen servieren, sonst fallen ihnen die Zähne aus – und wir haben ein Publikum, dem allmählich die Zähne wackeln. Das Publikum hat nicht immer auf Anhieb recht. Es lässt sich von Neuem verschrecken. Wie ist es sonst zu bewerten, dass über viele Jahrzehnte das beliebteste Motiv in der Malerei der röhrende Hirsch auf der Wald-Lichtung war. Das Bild hing in zahlreichen deutschen Biedermeier-Wohnstuben. Verrät die Häufigkeit, mit der das Bild gekauft wurde, etwas über seine Qualität? Ist der röhrende Hirsch darum gute Malerei? Wenn man dem Publikum Gelegenheit gibt, den ersten Schrecken über Neues zu verdauen und sein Urteil zu revidieren, werden am Ende für van Gogh doch wesentlich höhere Summen bezahlt als für den röhrenden Hirsch auf der Wald-Lichtung."

Gerne wird gerade von den Privat-Sendern argumentiert, gute Zuschauer-Zahlen seien ein Beweis dafür, den Geschmack bzw. die Bedürfnisse der Zuschauer zu treffen. Immer wieder muss diese Begründung für schlechtes Programm hinhalten. Natürlich ist das Fernsehen für viele Menschen immer noch das Unterhaltungs-Medium Nummer eins. Aber würden die Leute auch weiterhin das gleiche schauen, wenn sie bessere, unterhaltsamere Alternativen hätten? Fernseh-Macher Oliver Kalkofe wendet zurecht ein: „Nur das Einfachste zu machen und es damit zu rechtfertigen, dass die Leute es gucken, ist genau so, als würde man einem Gefangenen nur Wasser & Brot hinstellen und sagen ‚Der isst es ja, also will er gar nichts anderes'. Fakt ist aber, dass man nichts Besseres schauen kann, weil man nichts Besseres angeboten bekommt."

Qualitäts-Fernsehen weckt das Bewusstsein, schärft die Sinne und erweitert den Horizont. Gute Unterhaltungs-Sendungen regen Denken & Fantasie an und machen nicht zuletzt ganz einfach Spass. Interessantes, innovatives Fernsehen kann durchaus eine Bereicherung im Alltag darstellen.

9.  Führe eine „Abwrack-Prämie" für schlechte Programme ein

„Die Redakteure hassen ihr eigenes Programm. Sie lachen über die Zuschauer – man glaubt gar nicht, mit welcher Verachtung über das Publikum gesprochen wird. Das hat nichts mehr damit zu tun, dass dort Leute sässen, die an ihre Sachen glaubten. Wenn jeder Redakteur gezwungen wäre, sich das Programm seines Senders von Anfang bis Ende anzusehen, würden sie garantiert vieles anders machen wollen. Denn um sich das anzuschauen, ist die Lebens-Zeit zu schade", so Oliver Kalkofe.

Amen. Die billig produzierte Dutzend-Ware, die endlosen Kopien von Kopien von Kopien, das Trashige & Voyeuristische und all die über-inszenierten Shows mit Fokus auf schnelle, oberflächliche Emotionen können nicht endlos gesteigert werden. Wir erleben einen Trend, der nahe am Höhepunkt angekommen ist. Früher oder später wird eine gewisse Gegen-Bewegung einsetzen.

Michael Jürgs schlägt in seinem Buch „Seichtgebiete" vor, dass für besonders seichte & dümmliche Fernseh-Sendungen eine Art Abwrack-Prämie eingeführt werden sollte – ähnlich wie bereits im Auto-Markt erprobt. Insbesondere dann, wenn gleich noch eine zündende Idee für ein Alternativ-Programm vorgelegt würde.

Eine tolle Idee – wobei der alternative Programm-Vorschlag Voraussetzung sein müsste. Sonst könnte man ja gleich TV-Formate einzig & allein zum raschen Abwracken entwickeln!

Und das kennen wir irgendwie schon ...

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