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Rudi Ratlos

Durch Denken und Sich-Erinnern schlägt der Mensch Wurzeln auf dieser Welt. Nur lässt sich der Film der Erinnerung nicht restaurieren – schon gar nicht bei Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind. Wie der frühere Fussballer („schönster Bundesliga-Spieler" der frühen 70er Jahre), Sport-Manager, Ruhrpott-Macho & Frauen-Flüsterer, Werbe-Star & begnadete Selbst-Darsteller Rudi Assauer. Immer eine Zigarre im Mund und nie verlegen um einen dreisten Spruch. Nun hat der 67-Jährige – zwei Jahre nach der offiziellen Diagnose – seine Erkrankung öffentlich gemacht und im Fernsehen sein Buch „Wie ausgewechselt – Verblassende Erinnerungen an mein Leben" vorgestellt. Die Krankheit liess sich nicht mehr länger verheimlichen, hatten doch immer mehr Gerüchte über Demenz oder wahlweise auch Alkohol-Missbrauch die Runde gemacht.  

Bizarr mutet es an, wenn heute Lastwagen der Schnell-Imbiss-Kette „Mr. Chicken" durch den Ruhrpott kurven, ein strahlender Rudi Assauer auf der Plane, Daumen nach oben: „Auf diese Hühner stehe ich." Ein Augenzwinkern in Richtung alte Macho-Zeiten ... Assauer amtet(e) als Gesellschafter und nahm noch im letzten Jahr wortkarg an der Einweihung neuer Filialen und anderer Werbe-Veranstaltungen teil.

Da kommen ungute Erinnerungen an Harald Juhnke hoch, der sich von Media Markt für die „Ich bin doch nicht blöd"-Kampagne engagieren liess – und kurz darauf an schwerer Demenz erkrankte. Alois Alzheimer, dem Entdecker der später nach ihm benannten Alzheimer-Krankheit (häufigste Form von Demenz) hätte das vielleicht gefallen. Der deutsche Arzt, der in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg lebte & wirkte, war nämlich ein Scherzbold und liess sich auch in harten Zeiten nicht den Humor nehmen. Gerne verkleidete er sich als Landstreicher oder Bettler und bat an seinem Institut um Almosen. Und freute sich, wenn er von keinem erkannt wurde – Mitarbeiter wohlgemerkt, nicht Demenz-Patienten! Es muss ein fruchtbares Arbeits-Klima gewesen sein rund um Alois Alzheimer, sind doch auch zwei seiner Assistenten, Creutzfeldt & Jakob, in die Medizin-Geschichte eingegangen. Aber zurück zu Rudi Assauer ...

Wer den Auftritt von Rudi Assauer in der ZDF-Sendung „Volle Kanne" (weitere ausgesuchte Medien-Auftritte werden folgen ...) gesehen hat, wird zustimmen, dass der Umgang mit dem ehemaligen Schalke-Manager ein behutsamer & wohlwollender gewesen ist. Assauer war umrahmt von seiner Tochter Bettina, seiner Sekretärin Sabine Söldner und seinem Freund & Weggefährten Werner Hansch, dem legendären Fussball-Kommentator. Es war eine stimmige Entourage: Assauer wohnt mittlerweile bei seiner Tochter, nachdem die letzte Ehe nach wenigen Monaten gescheitert war. Er wird hauptsächlich von seiner Tochter und seiner Sekretärin betreut; künftig soll noch eine Pflegerin dazu stossen. Seine langjährige Sekretärin war denn auch eine der ersten, die ihm geraten hatte, beim jährlichen Gesundheits-Check nicht nur den Körper, sondern auch den Kopf untersuchen zu lassen. Das gleiche riet ihm auch sein langjähriger Kumpel Werner Hansch, der sich eines Abends nach einer gemeinsamen Veranstaltung ein Herz genommen und Rudi Assauer auf dessen zunehmende Aussetzer & Gedächtnis-Lücken angesprochen hatte. „Rudi bekam darauf einen krampfartigen Wein-Anfall, ist mir um den Hals gefallen und sagte: ‚Ich weiss es. Ich weiss es doch!´", so Hansch. Erleichterung auf beiden Seiten, es war ausgesprochen ...

In der Sendung wirkte Assauer ruhig, in sich gekehrt, fast ein wenig apathisch. Er sprach langsam, zögerlich, brach viele Sätze ab und schaute hilfesuchend seine Tochter oder seine Sekretärin an. Und die beiden sprangen sofort helfend ein, ein offensichtlich eingespieltes Team. Nach einiger Zeit steckte er sich eine Zigarre an, sein Markenzeichen, sie scheint ihm immer noch zu schmecken ...

Er verspüre eine unglaubliche Wut & Trauer, so Assauer. Seine (Fest-)Platte da oben sei oft wie leer, einfach gelöscht ... Aber es sei ein guter Tag heute. Es gebe gute und auch weniger gute Tage. Assauer leidet unter den berühmt-berüchtigten Stimmungs-Schwankungen, bekommt Mittel gegen die Aggressions-Schübe. Und natürlich die gängigen Alzheimer-Medikamente & Aufbau-Präparate für die Gehirn-Leistung. Daneben Anti-Depressiva, wie sie heute bei so vielen Krankheiten zusätzlich verschrieben werden. Eine Heilung gibt es bei Alzheimer (noch) nicht, man hofft aber, mit geeigneten Medikamenten das weitere Fortschreiten der Krankheit hinauszuzögern.

Wenn das Gespräch auf Schalke kommt, seinen Verein, blüht Assauer ein kleines bisschen auf. Man würdigt seine Verdienste um die Arena auf Schalke, eines der modernsten Fussball- & Mehrzweck-Stadien Europas. Wenig verwunderlich, funktioniert doch unser Gedächtnis viel mehr über Gefühle als über den Verstand; besonders tolle wie auch besonders schmerzliche Erinnerungen bleiben besser & länger haften.

„Mach das, was Du am besten kannst: Kämpfe!", rufen ihm seine einstigen Weggefährten aus allen (medialen) Himmelsrichtungen zu, „Kämpfe gegen das fortschreitende Vergessen und für das Nicht-Vergessen-Werden!"

Klar, letztlich ist das alles auch PR ... und das konnte der Rudi immer am besten. Man erinnere sich nur an die originellen Bier-Spots mit seiner früheren Partnerin, der Schauspielerin & Tatort-Kommissarin Simone Thomalla. Nur Mitleid, das will Rudi Assauer nicht – das sei doch das Schlimmste neben dem Vergessen. Er wolle eine Art Vorreiter der Krankheit sein, den aktuellen Zustand erhalten, so lange wie irgendwie möglich.

Der mediale Umgang mit Demenz ist & bleibt ein schwieriges Thema. „Informieren, aufklären – nicht vorführen" ist wohl grundsätzlich kein schlechter Ratgeber. Betroffene & ihre Angehörigen können durchaus helfen, Hemmschwellen in der Bevölkerung abzubauen, können mögliche Wege & Auswege aufzeigen. Schliesslich sind angesichts der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung immer mehr Menschen von Demenz-Erkrankungen betroffen. (Zu) viele Patienten schämen sich, auch viele Angehörige schämen sich, und Betroffene wie Angehörige versuchen nicht selten, die Krankheit zu vertuschen. Wenn nicht schlimmer ... Rudi Assauer schreibt bzw. lässt in seinem Buch schreiben: „Meine [demenz-kranke] Mutter hat apathisch im Pflegeheim gelegen, es war eine Katastrophe. Ich konnte das schlecht mit ansehen. Genau an dem Tag, an dem ich ein tödliches Medikament besorgen wollte, ist Mama aus dem Bett gestürzt und hat sich einen Oberschenkelhals-Bruch zugezogen. Sie verstarb bei der Operation."

Andere wollen gar nicht erst so lange zuwarten, sondern handeln, solange sie noch selber dazu in der Lage sind. Wie etwa im letzten Frühjahr Gunter Sachs, der ewig als „Playboy" apostrophierte Industriellen-Erbe, Mathematiker, Forscher, Fotograf, Filmer, Kunst-Sammler & Society-Liebling. Der mit seiner hellen Kleidung immer ein bisschen aussah, als weilte er in einem nie endenden Urlaub ... Vielleicht ist sein Leben ja auch so etwas gewesen wie ewige Ferien, die er nicht wegen einer drohenden Demenz-Erkrankung abbrechen wollte. Gunter Sachs in seinem Abschieds-Brief: „In den letzten Monaten habe ich durch die Lektüre einschlägiger Publikationen erkannt, an der ausweglosen Krankheit A. zu erkranken. [...] Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten."

Eine Entscheidung, die man letztlich nur alleine mit sich ausmachen kann ...

„Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?", wurde Gunter Sachs einmal in besseren Zeiten gefragt.

„Sachs@All" hat er geantwortet. Vielleicht steht das jetzt so drauf auf dem Familien-Grab – und vielleicht ist er dort angekommen ...
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